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Sonstiges  Gedenktag der Drogentoten - Talk Inn Kempten


Geschrieben von Felix Schleinkofer am 21.06.2018
Bild: Caren Arendt, Gerhard Zech, Natali Bayer

21. Juli - lnternationaler Gedenktag der verstorbenen Drogengebraucher

Sa. 21.07.2018 in Kempten

Überall auf der Welt gibt es Drogen und Abhängige. Und überall auf der Welt kommt es zu Todesfällen. Der internationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige wird am 21. Juli 2018 begangen. Dieser Tag findet seit 1998 jedes Jahr in Deutschland statt. Initiiert wurde der Gedenktag vom Landesverband der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit NRW e.V. Der Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige soll nicht nur ein Tag des Erinnerns sein, sondern auch ein Tag der Aktionen und des Protestes. Die einzelnen Aktionen sind dabei vielfältig und werden in Kempten in Form eines Gedenkmarsches, einem Gottesdienst und einem Infostand durchgeführt.

Das Talk Inn-Team in Kempten bietet Drogenkonsumenten Basishilfe auf Augenhöhe und in Sicherheit

Seit 1997 gibt es den Kontaktladen Talk Inn in Kempten. Das dreiköpfige Team vor Ort hat ausdrücklich nicht die Aufgabe einer Beratungsstelle, man hat sich für einen niedrigschwelligeren Zugang entschieden. Die Menschen brauchen oftmals einfach einen Platz, wo sie sie sich in Ruhe aufhalten, vielleicht auch nur einen Kaffee trinken und sich sortieren können. Das Talk Inn-Team leistet niedrigschwellige Sozialarbeit, Basisarbeit und Überlebenshilfe wie Termine klären oder die Grundversorgung sicherstellen. Sollte es in der Folge zu einer Therapievermittlung kommen, findet zunächst eine Entgiftung im Krankenhaus statt. Danach geht es bestenfalls direkt in die Therapie. Die Hilfe im Kontaktladen beginnt meist allerdings viel früher: Überlebenshilfe wie Essen und Trinken, Wäsche waschen, Dusche, Gesundheitsberatung und Hilfe bei der Grundorganisation des „normalen“ Lebens. Wir haben mit Gerhard Zech und Caren Arendt vom Talk Inn-Team und Natali Bayer, Leiterin der Suchtfachambulanz Kempten und des Kontaktladens, gesprochen. Träger beider Einrichtungen ist der Caritasverband für die Diözese Augsburg e.V.

Konsumiert wird sowieso. Aber Todesfälle wären vermeidbar.

In Kempten gibt es viele Drogen und Drogenabhängige, allerdings ist es nicht so wie in vielen deutschen Großstädten, in denen es offene Szenen gibt. Durch die restriktive Verfolgung durch die Polizei haben sich die Betroffenen im Lauf der letzten Jahre immer mehr in den „privaten Raum“ zurückgezogen. Hier entstehen auch die meisten gesundheitlichen Probleme, Drogennotfälle und auch –todesfälle. Die DrogenkonsumentInnen werden im Notfall oft schlichtweg allein gelassen werden. Die Mitkonsumierenden rufen zwar den Rettungsdienst, verschwinden aber meist aus Angst vor den Konflikten mit dem Gesetz. Dabei kann man auch im Fall einer Überdosis viel unternehmen, um erste Hilfe zu leisten und dem Betroffenen zu helfen. Caren Arendt erklärt dazu: „Es gibt beispielsweise Naloxon, welches Leben retten könnte. Dabei handelt es sich um einen Opiat-Antagonist, der die Wirkung von Heroin sofort aufhebt, sodass Zeit bleibt um Erste Hilfe leisten zu können. Es ist sehr einfach als Nasenspray zu verabreichen und man kann nichts dabei falsch machen. In sechs Bundesländern ist dieses Medikament bereits legal an Beratungsstellen erhältlich. Eine Studie aus Berlin zeigt wie viele Leben dieses Medikament in den letzten 12 Jahren gerettet hat, dennoch hinkt Bayern da noch weit hinterher.“

Aus den Augen, aus dem Sinn? Aber das löst das Problem nicht.

In Kempten ist das Drogenproblem nach außen hin meist nicht sichtbar. Der letzte für die Öffentlichkeit wahrnehmbare Drogentodesfall war 2000. Die meisten Abhängigen geben sich Mühe nicht aufzufallen und sind adrett gekleidet, auch um nicht von der Polizei aufgegriffen zu werden. Das führt dazu, dass die Konsumierenden sich immer mehr zurückziehen und oft unter verheerenden, gesundheitsgefährdenden Umständen Drogen zu sich nehmen. Gerhard Zech geht auf elementare Probleme ein: „Wir gewährleisten auch gesundheitliche Vorraussetzungen für die Betroffenen wie Abgabe von sterilem Spritzzubehör, Beratungen zu Risiken bei unsachgemäßem Konsum, zum Beispiel das Verwenden einer Nadel bei mehreren Konsumenten (needle sharing). Auch so banale Themen wie Wunddesinfektion sind immens wichtig. Entzündungen und Abszesse können bei unsauberem Konsum schnell entstehen. Oft müssen die Betroffenen sogar dazu motiviert werden, zum Arzt zu gehen. Sehr viele haben Krankheiten wie zum Beispiel Hepatitis C. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich prostituieren, um ihren Konsum zu finanzieren. Wenn Abhängige einen Entzug spüren, sind sie zu allem bereit und denken nicht mehr an ihre Gesundheit und eventuelle Spätfolgen.

Kriminalisierung von Drogenkonsum verschlimmert nur die Probleme

Nach jahrelanger Erfahrung in dem Bereich ist sich das Team einig, dass eine strenge polizeiliche Verfolgung der Konsumenten das Grundproblem nicht gelöst hat, im Gegenteil: Bereits bei kleinsten Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz werden diese Menschen kriminalisiert, aktenkundig und bekommen in verschiedensten Bereichen. Trotz rigoroser Verfolgung der Konsumenten ist das Angebot an Suchtstoffen größer als je zuvor. Zu den klassischen Rauschmitteln haben sich in den letzten Jahren eine stetig wachsende Zahl an „neuen psychoaktiven Substanzen“ herausgebildet; zudem gibt es „reine“ oder unverschnittene Stoffe so gut wie gar nicht mehr. Deshalb sprechen sich die Drogenberater für eine Qualitätskontrolle aus. Caren Arendt sagt dazu: „Es gibt Möglichkeiten des „Drug Checkings“, bei denen die Konsumenten vorab prüfen lassen können, ob es sich um gefährliche Stoffe handelt. In Ländern wie der Schweiz ist das gang und gäbe. Hierdurch lassen es die Konsumenten auch mal eher sein, unsichere Stoffe zu konsumieren. Im Idealfall sinkt dann die Nachfrage und unsichere Drogen würden dann nicht mehr gekauft. Die Möglichkeit des Drug Checkings soll dazu führen, daß die Menschen bewusst und vorsichtig mit ihrem Konsum umgehen.

Alkohol und Nikotin - die tödlichsten Substanzen

Gerhard Zech führt einen interessanten Vergleich aus: “Obwohl Alkohol ein Zellgift ist und der regelmäßige Konsum sehr gefährlich, ist dieser legal und überall leicht erhältlich. Dagegen werden Konsumenten bei kleinsten Konsum illegaler Drogen enorm kriminalisiert. Durch den Alkoholkonsum entstehen viele Gewalttaten. Die Hemmschwelle fällt einfach komplett weg, was zum Beispiel bei Cannabis nicht der Fall ist. Fast 50 % aller Drogendelikte in Schwaben waren Cannabis-Delikte. Würden diese durch eine Entkriminalisierung entfallen, hätte die Polizei viel mehr Zeit sich um wirkliche Straftaten zu kümmern. Wenn man mit Cannabis erwischt wird, verliert man unter Umständen direkt seinen Führerschein, unabhängig davon ob man im Straßenverkehr unterwegs war oder nicht. In unserer Gesellschaft wird enorm viel geraucht und getrunken und das ist toleriert.“ Caren Arendt ergänzt dazu: „Aber natürlich braucht man dann auch schwarze Schafe, auf die man zeigen kann, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Wenn man den Umfang und die Menge an Konsum von legalen Drogen mit der enormen Kriminalisierung der wenigen Drogenabhängigen vergleicht, so wird absolut unverhältnismäßig damit umgegangen. Wären diese Drogen ebenfalls legal, würde es den Konsum sicherer machen. Wir hätten einen gecheckten Stoff und man könnte auch im Notfall direkt Hilfe holen – ohne Angst vor Bestrafung zu haben. Einige Bundesländer bieten auch Konsumräume an, in welchen unter ärztlicher Aufsicht konsumiert werden kann.“

Eine ENTKRIMINALISIERUNG und kontrollierte Abgabe ist der sinnvollste Lösungsansatz

Gerhard Zech zieht daraus folgende Schlüsse: „Nikotin weist das höchste Suchtpotenzial auf und auch die meisten Menschen, die an Suchterkrankungen versterben, versterben an den Folgen des Nikotinmissbrauchs. Dennoch bleibt es legal erhältlich, vermutlich weil der Staat daran auch viele Steuern einnimmt. Selbst E-Zigaretten sind extrem krebserregend. Es wird nie eine abstinente Gesellschaft geben, darin sind sich eigentlich alle einig. Eine Stigmatisierung der Betroffenen bringt niemandem etwas. Für eine aufgeklärte und soziale Gesellschaft ist es eine grundlegende Verpflichtung für alle Betroffenen da zu sein.“

Talk Inn

Anlaufstelle für KonsumentInnen illegaler Drogen
Kontaktladen und Drogenberatung

Brennergasse 15
87435 Kempten

Telefon: 0831 28635
E-Mail: dkl.kempten@caritas-augsburg.de

Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V.

Öffnungszeiten: 
Mo. 13:00 - 17:00 Uhr
Di. 13:00 - 17:00 Uhr
Do. 13:00 - 17:00 Uhr
Fr. 12:00 - 16:00 Uhr