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Sonstiges  Heinrich von Kempten


Geschrieben von Felix Schleinkofer am 22.03.2018
Bild: Heinrich von Kempten

Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Zwischen Tarantino und Monty Python.

Heinrich von Kempten

Theater in Kempten-Eigenproduktion
Nach dem Versepos von Konrad von Würzburg

Sein nacktes Bildnis ist wohl den meisten Passanten, die am Kemptener Rathaus vorbei spazieren, schon aufgefallen. Aber wer war dieser unbekleidete Schwertkämpfer eigentlich? Silvia Armbruster bringt die testosterongeschwängerte Geschichte des Ritters nach dem Versepos von Konrad von Würzburg auf die Bühne des Stadttheaters. Rainer von Vielen und Michael Schönmetzer begleiten das Stück mit Live-Musik.
Heinrich zieht laut Legende seinen jähzornigen Kaiser buchstäblich über den Tisch, um ihm Jahre später nackt aus dem Badezuber springend das Leben zu retten. Er ist ein Ritter, der sich bei aller Derbheit richtig und vorbildlich, selbstbewusst, mutig und treu. Für Silvia Armbruster „eine Geschichte zwischen tragischem Ernst und burlesker Ironie“, die aus der Sicht der Witwen Heinrichs (Julia Jaschke) und seines Kaisers Otto (Annette Wunsch) musikalisch untermalt erzählt wird.
Wir haben bei den Proben vorbeigeschaut und konnten Sylvia Armbruster und Rainer von Vielen im persönlichen Interview einige Details über die Eigenproduktion entlocken.

Das ist nicht gerade eine Geschichte für zarte Gemüter. Was erwartet uns bei der Inszenierung auf der Bühne?

Silvia: Heinrich von Kempten ist eine Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurde die Geschichte das erste Mal erzählt und es ist unbekannt, ob es ihn überhaupt gegeben hat oder das Ganze eine Legende ist. Uns erwartet die Geschichte, die Konrad von Würzburg aus zwei Legenden zusammengeschrieben hat. In der ersten Erzählung geht es darum, dass Heinrich den Kaiser angreift, weil dieser erst ein Kind und danach Heinrich den Kempter ungerecht behandelt. In der zweiten Legende rettet er jedoch den Kaiser.

Rainer: Dadurch, dass es im 13. Jahrhundert geschrieben wurde, ist die Geschichte in Mittelhochdeutsch verfasst und diese Sprache spielt in dem Stück eine sehr große Rolle. Es gibt viele Textpassagen, die im Originaltext gehalten sind. Diese versteht man dennoch sehr gut, weil es eher an die Holländische oder Schweizer Sprache erinnert.

Welche Rolle spielt die Musik in dem Stück?

Rainer: Musikalisch gibt es Brückenschläge von echten Rainer von Vielen-Stücken, die zudem thematisch verwoben sind. Es wird ein rudimentäres Instrumentarium verwendet, welches wir vor Ort spielen und bei dem keine Verstärker gebraucht werden. Dadurch sind wir wesentlich flexibler und es kann mehr in die Handlung integriert werden.

Wie muss man sich die Art der Erzählweise vorstellen?

Silvia: Es stehen nicht Heinrich von Kempten und der Kaiser im Mittelpunkt, sondern deren Witwen, die auf den Friedhof gehen, um ihren verstorbenen Männern zu gedenken. Die zwei Frauen begegnen sich und führen den Streit ihrer Gatten weiter. Dabei stellt man sich die Frage: Wurde Heinrich vom Kaiser richtig behandelt? Welcher Mann ist berühmter? Heinrich von Kempten oder Kaiser Otto? Die zwei Witwen wollen den Ruhm ihrer Verstorbenen weiter tragen und es geht darum, welcher von den beiden richtig oder welcher falsch gehandelt hat.

Welche Rolle übernehmen die zwei Musiker?

Silvia: Die zwei Musiker sind Friedhofs-Angestellte, aber teils auch Erzähler und sie transportieren die Innenwelt der Frauen. Alles was die Frauen fühlen, denken und spüren, kommt in den Rainer von Vielen-Liedern vor, die schön mit der alten Sprache harmonieren.

Gibt es ein Beispiel zu der angesprochenen Harmonie zwischen den Songs und der Sprache?

Rainer: Ein sehr emotionaler Song ist „Wenn du mich nur lässt“. Der Größenwahn, den der Song transportiert, wird von der Innenwelt der Kaiserin gut widergespiegelt. Die Schauspieler werden ebenfalls mitsingen, damit alles ineinandergreift. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Stück humorvoll gestaltet ist. Das Stück ist schamlos und von Größenwahn getrieben. Daher bietet es viel Platz für das Einbringen von Witzen.

Wie fand die Musik und das Stück überhaupt zueinander?

Silvia: Ein Techniker vom Theater hat mich gefragt, ob ich Rainer von Vielen kenne und mir vorgeschlagen einen Clip von ihm anzuschauen. Parallel kam Gerhard Köpf, ein Allgäuer Buchautor, zu mir und schlug das Stück Heinrich von Kempten vor. Nachdem ich das Stück durchgelesen hatte, fiel mir sofort eine Verbindung mit dem Theaterstück und Rainer von Vielen auf. Mir gefallen die Texte und die Musik sehr. Später wurde mir erzählt, dass er bereits an einer Theatervorführung gearbeitetet hat (Anm. d. Red.: Schauspiel Hannover, Theaterprojekt: Mythen der Freiheit). Mit der Zeit wurde der Plan immer konkreter, aber letzten Endes war das Zusammentreffen eigentlich ein Zufall. Am Anfang war es für mich nicht nötig eine Band dabei zu haben, aber als diese Musiker aufgetaucht ist, dachte ich mir, dass sie dazu müssen.

Wart ihr davor mit der Story vertraut?

Rainer: Nein, gar nicht. Ich habe das Bild von Heinrich nur einmal auf der Seitenwand vom Rathaus entdeckt.

Silvia: Da ich keine Kemptenerin bin, wusste ich noch weniger als du. Mir wurde empfohlen, das Stück durchzulesen und so kam ich auf das Thema. Normalerweise beschäftige ich mich nicht mit der Literatur aus dem 13. Jahrhundert. (lacht)

Von wem werden die Rollen der Witwen übernommen?

Silvia: Annette Wunsch kommt aus der Schweiz und kann dadurch den alten Sprachstil sehr gut wiedergeben. Julia Jaschke hat schon sehr viel gespielt und die zwei Schauspielerinnen kennen sich bereits aus München. Beide sind befreundet und das macht die Arbeit natürlich einfacher.

Silvia Armbruster über die Arbeit mit Rainer von Vielen: „Da ich Rainer vier bis sechs Stunden am Tag singen höre, habe ich regelmäßig einen Ohrwurm von seinen Liedern.“

Rainer von Vielen über die Arbeit mit Sylvia: „Ich schaue Silvia jeden Tag beim inszenieren zu und mir fällt auf, dass sie viel Freiraum lässt, aber einen ganz konkreten Plan verfolgt. Sie weiß in jedem Moment, wie die Charaktere miteinander funktionieren und wie die Szenen wirken sollen.“

Heinrich von Kempten

Theater in Kempten-Eigenproduktion
Nach dem Versepos von Konrad von Würzburg
Inszenierung: Silvia Armbruster
Mit Julia Jaschke, Annette Wunsch
Live-Musik: Rainer von Vielen, Michael Schönmetzer
Altersempfehlung: Ab 12 Jahren
Karten: 27,- €

Premiere: 12. April 2018 | 20 Uhr | THEaterOben (ausverkauft)

Weitere Vorstellungen im THEaterOben
14. April 2018 | 19 Uhr
19. April 2018 | 10 Uhr – geschlossene Schulvorstellung
19. April 2018 | 20 Uhr