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Sonstiges  Bildung, Beruf, Business: Interview Schornsteinfeger Jule Posselts


Geschrieben von Vinzent Zörlaut am 24.01.2018
Bild: Julian Posselts

Vom Schornstein zur Skyline

Der Beruf des Kaminkehrers

Wer die behagliche Wärme eines knisternden Feuers im Kamin zu schätzen weiß, wird sich als Bewohner oder Hauseigentümer der Bedeutung des Kaminkehrers im Klaren sein. Der Beruf des Schornsteinfegers ist ein altehrwürdiges und traditionsreiches Handwerk, das viele Schulabgänger bei der Berufswahl nicht mehr auf dem Radar haben. Warum eigentlich?

Wir haben uns mit Julian Posselts, einem frisch gebackenen Schornsteinfegermeister zum Interview getroffen, um mehr über das unterschätzte Berufsfeld zu erfahren.

Jule, putzen Schornsteinfeger eigentlich auch ihre eigenen Schornsteine?

Lustige Frage. Also ich persönlich nicht. Seit 2013 ist das Kehrmonopol, nachdem nur der staatlich zugelassene Bezirksschornsteinfeger die Arbeiten in seinem Bezirk durchführen darf, weitestgehend aufgehoben. Das Fegen ist mittlerweile ein freier Markt. Demnach ist das gut möglich, dass es Kaminkehrer gibt, die auch ihre eigenen Schornsteine fegen. Wieso auch nicht.

Kann jemand, der an Höhenangst leidet trotzdem Schornsteinfeger werden?

Sofern man nicht unter einer wirklich extremen Höhenphobie leidet, glaube ich, kann man das ganz gut in den Griff bekommen. Ich hatte zu Beginn meiner Ausbildung auch ein wenig Höhenangst. Ich habe das allerdings als Chance gesehen, mich dem zu stellen und nach einer Weile konnte ich es richtig genießen da oben.

Wie oft ist man heutzutage als Schornsteinfeger tatsächlich noch auf dem Dach?

Das kommt ganz auf den Kehrbezirk drauf an. In Neubau-Gebieten muss man schon noch recht oft aufs Dach. Allerdings nur auf Dächer, die mit Sicherheitseinrichtungen wie Dachtritten und Dachleitern bebaut sind. Früher war das noch etwas gefährlicher, da gab es solche Vorschriften noch nicht.

„Ich sag den Leuten meistens, sie sollen nicht gleich Lotto spielen…“

Warum ist der Schornsteinfeger ein Symbol für Glück?

Früher, als viele strohdachgedeckte Häuser aufgrund von ungereinigten Kaminen abgebrannt sind, sprachen die Leute von „Glück“, wenn die Häuser nicht abbrannten, weil der Kaminkehrer zum Fegen da war.

Man sagt ja, dass es auch Glück bringt, einen Schornsteinfeger anzufassen. Passiert Dir das oft?

Ja, das kommt schon öfters vor. Die Leute kommen dann her und sagen sowas wie „Hui, ein Kaminkehrer, ein bisschen Glück könnte ich schon gebrauchen.“ Ich sag den Leuten dann meistens, sie sollen nicht gleich Lotto spielen sondern lieber ein paar Tage warten, um das Glück richtig einwirken zu lassen. (Lacht)

Bringt Ihr nur dann Glück, wenn Ihr voller Ruß seid, oder auch in sauberem Zustand?

Kaminkehrer werden in der Regel heutzutage gar nicht mehr so dreckig. Ein Hauptbestandteil unserer Arbeit ist das Überprüfen der Gasheizungen. Wir machen Abgasmessungen, prüfen, ob kein Kohlenmonoxid bei der Verbrennung entsteht und solche Dinge. Wir fungieren also vor allem als sachverständige Techniker. Glück bringen wir natürlich immer und jedem.

Findet man manchmal ungewöhnliche Dinge in den Schornsteinen?

Man findet immer wieder mal kleinere tote Tiere wie Vögel, Fledermäuse oder Eichhörnchen. Aber komischer Weise habe ich auch schon mal einen Frosch in einem Kamin gefunden. Wie der da wohl rein gekommen ist? Es gibt aber auch eine Geschichte aus Kempten, der zufolge auch mal eine größere Menge Kokain in einem Schornstein gefunden wurde.

„Der ideale Einstieg in die Energie- und Umwelttechnik“

Wie oft tragt Ihr noch die schwarze Schornsteinfeger-Uniform?

Die Kaminkehrer im Allgäu sind eigentlich meistens noch in der traditionellen Kluft unterwegs. Also in Schwarz und auch mit den goldenen Knöpfen. Auf den Zylinder wird in der Regel aber mittlerweile verzichtet, der ist einfach zu unpraktisch.

Warum hast Du Dich für den Beruf Schornsteinfeger entschieden?

Während meiner Schulzeit habe ich über verschiedene Praktika in einige Berufsfelder reingeschnuppert. Ich konnte mich aber weder mit einem Bürojob noch mit einer Industriehalle oder Fabrik so recht anfreunden. In meinem Beruf bin ich viel an der frischen Luft, bleibe in Bewegung, komme viel mit Menschen in Kontakt, denn zwischenmenschlicher Umgang ist mir schon wichtig.

War es die richtige Wahl?

Auf jeden Fall. Der Beruf des Kaminkehrers ist der ideale Einstieg in den Bereich Umwelt- und Energietechnik. Ich habe im letzten Jahr meinen Meister gemacht und werde jetzt noch den Energieberater dranhängen.

Was macht ein Energieberater?

Wenn zum Beispiel ein Haus verkauft wird, bekommt es einen Energieausweis, in dem steht, wie viel Energie verbraucht wird, wie die Dämmung und Isolierung ist. Ein Energieberater erstellt das Gutachten, damit der Eigentümer weiß, auf was er sich einstellen muss.

Inwiefern hat sich der Beruf des Schornsteinfegers in den letzten Jahren gewandelt?

Es sind heute deutlich mehr Überprüfungsarbeiten, das Kehren selbst wird weniger, weil die Holzfeuerstätten immer effizienter und sauberer werden. Vor 30 bis 40 Jahren ist man noch richtig dreckig geworden, im Allgemeinen ist der Beruf deutlich sauberer und ungefährlicher geworden. Ich will hier nichts schön reden, es war damals nichts Ungewöhnliches, wenn ein Kaminkehrer eine Staublunge hatte. Aber das ist Vergangenheit. Zum Glück.

Welche Kompetenzen und Interessen sollte man in eine erfolgreiche Ausbildung zum Schornsteinfeger mitbringen?

Ein gewisses Maß an körperlicher Fitness ist auf jeden Fall zu empfehlen, da man viel zu Fuß unterwegs ist. Spaß am Umgang mit Menschen, eine gepflegte Ausdrucksweise und ein freundliches Wesen.

Welche Weiterbildungsmöglichkeiten hat man nach einer abgeschlossenen Ausbildung zum Schornsteinfeger?

Wie schon gesagt, eine Ausbildung zum Kaminkehrer ist der ideale Einstieg in den Umwelt-Bereich. Man kann auf die Techniker-Schule gehen, Energie- und Umwelttechnik studieren, den Energieberater machen oder sich auf andere Weise in diesem Bereich spezialisieren.

Gibt es etwas, das Du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Ich kann diesen Beruf nur empfehlen. Man betreibt nicht nur aktiven Umweltschutz, es ist ein wunderbarer, abwechslungsreicher und spannender Beruf. Außerdem wird das Handwerk, egal in welchem Sektor bereits in naher Zukunft goldener Boden sein. Alle wollen studieren, das Handwerk kämpft um Nachwuchs, dabei können sich die Betriebe bereits jetzt kaum vor Aufträgen retten. Auch als selbstständiger Kaminkehrer kann man richtig gutes Geld verdienen.