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Konzerte  Vier für Vierzig im RainBow Immenstadt


Geschrieben von Felix Schleinkofer am 21.10.2017
Bild: FUMP

4 Bands für 40 Jahre

DALAIDRAMA, FUMP, GAR KRASS, NAKAM

04.11.2017 - RainBow/Immenstadt

Seit Mitte der 90er ist Bela Allgeier tatkräftig im Allgäuer Underground unterwegs. Er sang u.a. bei Widerschall, Pop Brut und ist derzeit der Frontmann bei FUMP. Er brachte den geschichtsträchtigen "Allgäu Punk Sampler" und das Egozine "Die Endzeit" heraus, veranstaltet Konzerte, legt als DJ auf und schreibt derzeit für das TRUST-Fanzine und gelegentlich für das Allgäu LIVE IN. Anlässlich seines 40. Geburtstag veranstaltet er nun am 4. November eine öffentliche Geburtstagsparty/Konzert-Show im Immenstädter RainBow. 

Mit von der Partie sind die Jungs von DALAIDRAMA aus Memmingen, die mit ihrem abwechslungsreichen Hardcore ein echtes Brett vor die Füße knallen. Das Quartett besteht seit 2013 und spielte bereits energiegeladene Shows im Vorprogramm von Evergreen Terrace (USA), Danforth (Frankreich) und The Green River Burial (Frankfurt). Natürlich dürfen auch FUMP nicht fehlen, bei denen Bela am Mikrofon steht und seine kritischen, poetischen Texte energetisch und entschlossen ins Publikum abfeuert. Dabei wird er musikalisch verfolgt von der in Mensch geformten Drum-Machine Michael Knipping, dem slappenden Ausnahmebassisten Chris und dem Neuzugang, Gitarrist Jerry Vogel. Zu hören gibt es einen arschtretenden Mix aus Hardcore, Funk, Jazz, Punk und Metal, kurzum Crossover, der stilistisch hauptsächlich in den späten 80ern, bis frühen 90ern beheimatet ist. GAR KRASS spielten seit 1992 über 500 Konzerte und prägten die Allgäuer Ska/Punkszene maßgeblich mit ihrem sehr tanzbaren und partytauglichen Garagensound. Trotz der guten, ansteckenden Stimmung die GAR KRASS verbreiten, sind ihre Texte nicht stumpf auf Party oder feiern ausgelegt, die Mindelheimer haben etwas zu sagen. NAKAM aus Stuttgart, bezeichnen ihren Sound als treibenden Dampfwalzen-Hardcore-Punk. Bestehend aus ehemaligen Mitgliedern von Nihil Baxter, Danger! Danger! und Derby Dolls, sind NAKAM auf einem beinahe gleichwertig hohen Niveau anzusiedeln, wie die in der Szene sehr beliebten Dean Dirg und Sniffing Glue. Womit NAKAM zu einer der besten Hardcorepunkbands zählen, die Deutschland derzeit zu bieten hat. Vor, zwischen und vor allem nach dem Konzert wird noch weiter kräftig eingeheizt und für eine ausgelassene Stimmung gesorgt.

Mit 16 Jahren hat er begonnen selbst Musik zu machen. Seitdem stand er auf zahlreichen Bühnen und hat nie aufgehört seiner Musik-Sammel-Leidenschaft zu frönen. Wir haben Bela im Interview ein bisschen auf den Zahn gefühlt und ihn zu seinem Hörverhalten befragt.

Wie lange machst Du schon Musik?

Seit 24 Jahren. Mit meiner ersten Band Volxsoiche probten wir von Dienstag bis Freitag sechs Stücke ein, um dann am Samstag im Kemptener Jugendhaus unser erstes Konzert zu spielen. Insgesamt habe ich mit allen bisherigen Bands über 150 Songs eingesungen.

Wie viele Konzerte besuchst Du ungefähr pro Jahr?

Das schwankt natürlich von Jahr zu Jahr, aber 20 Konzerte dürften es schon sein – die eigenen Auftritte mit einberechnet.

Wie viele CDs hast Du ungefähr? Schallplatten?

Weil mich die Frage selber schon länger brennend interessierte, habe ich mir die Mühe gemacht alle meine Tonträger abzuzählen und kam auf rund 1000 CDs, 700 LPs und 400 bespielte Kassetten.

Was sind deine drei Lieblingsplatten?

HÜSKER DÜ – Zen Arcade
NO MEANS NO – Wrong
TON STEINE SCHERBEN – 4 (die Schwarze)

Wo oder wie informierst Du Dich über Neuerscheinungen?

Vordergründig in Musikfanzines wie dem OX oder TRUST. Auf Bandcamp entdecke ich desöfteren so manche Perle und an langen Sonntagen gebe ich mir auch gerne eine YouTube-Rallye, in der ich ein Album nach dem anderen anklicke.

Was war Dein Lieblings-Release 2016?

Wenn man sich auf die Suche begibt, kommen nach wie vor, insbesondere im Underground, wirklich viele gute Platten heraus. Deswegen fällt die Auswahl natürlich schwer. Aber ich würde mich für Thee Oh Sees - A Weird Exits entscheiden. Bester Neo-Garage-Psychedelic-Rock mit erdigen Gitarrenriffs und zwei Schlagzeugern, die das Musikhören zu einem tiefgehenden Erlebnis machen.

Welches Konzert würdest Du nicht einmal dann besuchen, wenn man Dich dafür bezahlen würde?

Oh, da gibt es viele, denn für schlechte oder selbst für mittelmäßige Musik ist das Leben einfach viel zu kurz und schade. Die obersten Plätze der Shitlist würde sicherlich diverse Volksmusik, Schlager oder überproduzierte, vor Kitsch triefende Popsternchen einnehmen. Ein weiteres No Go sind für mich so genannte Grauzonen Deutschrockbands wie die Onkelz oder Frei.Wild. Umso tiefer es in den braunen Morast absinkt, umso mehr bin ich davon abgeneigt. Schließlich bin ich zum Glück in einer Generation aufgewachsen, die in der Musik auch eine weltoffene, kritische und rebellische Haltung einnimmt. In dem Fall kann ich gut und gerne auf uncoole Deutschrock-Bands verzichten, die inhaltlich so konservativ und rückwärtsgewandt denken, wie mein Vater, Opa oder Ur-Opa.

Ohne Musik wäre das Leben…

Ziemlich eintönig und trostlos. Ein grauer, trister, langweiliger Ort, an dem ich nicht leben möchte. Was für eine grauenhafte Vorstellung.

Mit guter Musik ist das Leben…

Wesentlich bunter und intensiver. Im Grunde genommen verstärkt Musik doch die verschiedensten Emotionen. Bist Du gut gelaunt, kann Dich Musik noch mehr nach oben pushen, dich beflügeln und betören. Bist Du frustriert oder mies gelaunt, dann findest Du in melancholischen Klängen einen Art fiktiven Freund oder Gesprächspartner. Und wenn Du von irgendetwas angenervt bist, dann kannst Du Dich mit aggressiver Musik abreagieren. Sprich: Die Musik hat für jede erdenkliche Emotion eine passende Stimme. Ein weiter Grund, weswegen ich mich nicht auf eine Musikrichtung festlegen möchte. Außerdem gibt Dir Musik genauso wie die Kunst oder Poesie die Chance, aus dem bloßen Konsumentenverhalten auszubrechen, um sich selber zu verwirklichen, um etwas zu produzieren, das im stetigen Wachstum ist. Somit erschafft Dir Musik ein stärkeres Selbstbewusstsein, mehr Freundschaften, Erfüllung und Abwechslung in Deinem Leben. Also Leute, gründet mehr Bands!


Die drei wichtigsten Alben aller Zeiten für Bela

 
HÜSKER DÜ – Zen Arcade

Es gibt für mich kaum ein Punk/Hardcore-Album, welches in solch einer intensiven, brennenden Leidenschaft das ungebundene, zwischen Melancholie und Aufbegehren geprägte Freiheitsgefühl von Punk vermittelt. Ein Meilenstein mit dem das Power-Trio aus Minnesota den Hardcore revolutionierte, indem sie melodische und emotionale Momente ins Songwriting einbunden.

NO MEANS NO – Wrong

NMN sind nicht nur die rhythmischen Technikgötter im Bereich Hardcore, sie übersprangen auch mit einer absoluten Selbstverständlichkeit die Genregrenzen der teils doch sehr festgefahrenen, dogmatischen Szene. Es ist diese „Double-Punk-Attitüde“, die ich so sehr an der Band liebe und versuche in meiner eigenen Band FUMP einzubringen, also Punk in der Aussage und Anarchist im breitgefächerten, musikalischen Sinne. Ich werde nie vergessen, wie ich bei meinem ersten NMN-Gig, wie weggetreten am Bühnenrand verbracht habe, um das erstmal zu verarbeiten, was sich da gerade in diesem Moment vor mir abspielte, bevor ich mich leidenschaftlich in den Tanztumult begab. Was erstmal zur Folge hatte, dass die Konzerte anderer Bands danach erst einmal eine Zeit lang eher ernüchternd  ausfielen. Ehrlich gesagt hatte ich vorübergehend gar keine richtige Lust mehr auf Konzerte zu gehen, denn schließlich hatte ich doch das Maximum erlebt und was sollte schon noch kommen?

TON STEINE SCHERBEN – 4 (die Schwarze)

Ein sträflich unterschätztes Spätwerk der deutschen Polit-Rock-Legende, auf dem sie die doch relativ ausgelutschten, linken Politfloskeln hinter sich ließen, um in andere, viel tiefere Atmosphären aufzubrechen, in musikalischer wie in textlicher Form. Man kann selbst nach dem hundertsten Male, immer noch bis dato unerkannte Ecken und Kanten oder poetische Anspielungen neu entdecken. Ein Album, das in all seiner theatralischen Schönheit und Grazie, regelrecht in eine andere Welt, in eine Beta-Atmosphäre einlädt, um in diese meilenweit abzutauchen. Gleichzeitig besitze ich keine Platte, die durch den massiven Dauergebrauch, so sehr heruntergespielt wurde. Vielleicht sollte ich mir die Platte nochmals kaufen, aber anderseits trägt all das Knistern und Rauschen eben zu jenem einzigartigen Erlebnis bei.